Schotten anno 1946 in Basel

Vorwort

In der Oktober-Nummer 1992 der ,,Voice of the Band" habe ich mich als Piper-Anwärter den Lesern unserer Schrift vorgestellt. Ich habe damals erzählt, dass ich kurz nach dem Krieg als 14-jähriger zum ersten Male Schottenklänge gehört habe. Vorallem der Dudelsack hat mich fasziniert. Dieses Erlebnis hat bis heute seine Spuren bei mir hinterlassen. Ich wollte es schon seit Langem tun; aber jetzt habe ich es getan: die damalige Berichterstattung in der Basler Presse zu suchen. Herzlichen Dank an den jetzigen Obmann, Bruno Löliger und den früheren, Herrn Lüdin, von der Schotte-Clique. Sie haben mir beim Auffinden sehr geholfen. Jetzt weiss ich's genau:

Um den 11. Juli 1946 waren für einige Tage die Soldaten des Musikkorps der 52. Schottischen Infanterie-Division hier in Basel. Ich spüre heute noch ein Kribbeln unter der Haut, wenn ich daran denke. - Doch nun endlich zu den Zeitungen von damals. Beachten Sie bitte den Unterschied in der Berichterstattung zwischen den ,,Basler Nachrichten" und der ,,National-Zeitung"

Ihr Guido Jost (Monty)

Bericht Basler Nachrichten - Der Dudelsack macht die Basler verrückt

Die Mannen vom Musikkorps der 52. Schottischen Infanteriedivision werden sich gewiss nicht über mangelndes Interesse der Basler, wohl aber vielleicht über allzu grosses und vor allem über fehlende Disziplin beklagen. Soviel Basler wie am Donnerstagabend waren höchstens noch am Morgenstraich auf den Beinen, und die machte der aufreizende Klang des Dudelsacks recht eigentlich verrückt. Tausende säumten die Strassen, durch welche das Schottische Divisionsspiel nach 8 Uhr Abends von der Kaserne via Marktplatz zum Münsterplatz zog, nachdem es am Nachmittag auf Einladung unserer Regierung eine Dampferfahrt nach Rheinfelden unternommen hatte. Hier hörten sich weitere Tausende das Platzkonzert an. Zum Sehen kamen allerdings nur privilegierte, die sich entweder an den Fenstern der umliegenden Häuser, auf den Kastanienbäumen, auf den Galerien der Münstertürme oder dann in den ersten Reihen hinter der von der Polizei und von Militär gehaltenen Abschrankung einen Platz ergattert hatten. Andere behalfen sich auch mit Taschenspiegeln, die plötzlich den Wert eines Königreichs bekamen, um den Einzug und die verschiedenen Bewegungen der Musiker während des Konzertes zu verfolgen. Den in zehn Siebenerreihen marschierenden Dudelsackpfeiffern schritten drei Spielführer sehr gravitätisch voran. Es folgten sechs grosse Trommeln, und den Schluss bildeten die 48 kleinen Trommeln. Nach einigen begrüssenden Trompeten- und Trommelrufen begannen die Schotten über den weiten Platz zu defilieren zum Klang ihrer etwas monotonen Märsche, denen die Trommeln kräftige Akzente verliehen. Es war ein bewegtes, farbiges Bild, wie die Musiker in ihren malerischen Uniformen, die Spielführer ihre Stecken schwingend und die Tambouren die Schlegel über den Köpfen wirbelnd, dem Platze Leben verliehen. Ob sich zwischen den einzelnen Musikvorträgen noch ein offizieller Akt abspielte, entzog sich den Augen des Berichterstatters, da er weder im Besitze eines erhöhten Platzes noch eines Spiegels war.

Nach etwa einer halben Stunde marschierte das Divisionsspiel musizierend via Rittergasse-Aeschengraben zum Strassburgerdenkmal, wo noch ein Konzert stattfinden sollte. Durch dieses Programm aber machte das vieltausendköpfige Publikum, dass die Absperrung disziplinlos durchbrach, einen Strich und brachte sich so selbst um den Genuss. Eng zusammengepfercht spielten die Schotten einen Marsch, bestiegen dann die beim De Wette-Schulhaus wartenden fünf grossen Geländewagen und fuhren in die Kaserne zurück. Schade, aber begreiflich. Es dauerte geraume Zeit, bis sich die riesige Menge, die immer noch hoffte, die Musiker würden zurückkommen, zerstreute.

Basler Nachrichten 11.7.1946

Fotobericht National Zeitung - Die Schottischen Dudelsackpfeifer in Basel

Bild Schottische Infanteriedivision 1946 in Basel

Einige der Dudelsackpfeifer des heute in Basel gastierenden Musikkorps der 52 schottischen Infanteriedivision, die in ihrer charakteristischen Uniform im Basler Kasernenhof zum erstenmal probieren, wie ihre Klänge auf Schweizer Boden wirken. (Photo Dierks.) 

 

 

 

 

 

 

 

 Bild Schotten anno 1946 in Basel 

Oben links: Einer der drei Tambourmajoren.
Oben rechts: Die Schottischen Musikanten in imposanter Achterkolonne 
Unten: Das Ständchen im Rathaushof. (Photo Bertolf)

Bericht National Zeitung - Schotten und Basler voneinander begeistert

Die Platzkonzerte auf dem Münsterplatz und vor dem Strassburgerdenkmal

Nach der Rückkehr vom Nachmittags-Ausfug nach Rheinfelden ist unseren schottischen Gästen nur noch wenig Zeit für die Retablierungsarbeiten und das Nachtessen übriggeblieben. In aller Eile bügelten sie nochmals die Falten ihrer Röcke auf, während wieder andere ihre Gamaschen weisselten. Um 19.45 Uhr gab Major George den Befehl zum Abmarsch durch die Innerstadt zum Münsterplatz.

Mittlerweile aber hatte sich nach dieser Richtung eine Menschenmenge in Bewegung gesetzt, die nur noch mit derjenigen des diesjährigen Morgenstreiches verglichen werden kann. Von der Rittergasse her, den Münsterberg und den Schlüsselberg hinauf und durch die Augustinergasse zwängten sich unübersehbare Mengen von Neugierigen und Schaulustigen, die sich bald hinter den Absperrseilen der Polizei und der Sanitäts-unteroffiziersschule zu stauen begann. Die ersten Schaulustigen hatten sich nach 18 Uhr eingefunden und einen kleinen Imbiss mitgebracht. Als die Münsteruhr die achte Abendstunde verkündete, standen Tausende auf dem Münsterplatz, auf den Fenstergesimsen der umliegenden Gebäude, auf den Bänken und auf dem Brunnentrog, und auf den Kastanienbäumen wimmelte es von wunderfitzigen Buben. Kurzum: der altehrwürdige Platz war besetzt bis zur ersten Münstergalerie hinauf und dürfte kaum je eine solche Menschenmenge gesehen haben. Inzwischen aber umsäumten Tausende die Innerstadtverkehrsadern von der Kaserne bis zur Rittergasse, um dem imposanten Vorbeimarsch des Spiels der 52. Schottischen Division beizuwohnen.

Mit einer kleinen Verspätung meldete Major George um 20.15 Uhr den offiziellen Gästen die Ankunft der Dudelsackpfeifer, und bald darauf marschierten sie in Zwölferkolonnen mit gravitätischem Schritt auf den weiten Platz, von einem ohrenbetäubendem Beifallssturm begrüsst. Während rund einer halben Stunde vollführten sie mit bewunderungswürdiger Disziplin, die sich von den Fussspitzen bis in die der Trommelschlegel erstreckte, ihre imposanten Aufmarschproduktionen, für die, wie man frühzeitig richtig erkannt hatte, der Marktplatz zweifellos zu klein gewesen wäre. Unseren Buben und Mädchen verging beim Anblick der drei voranschreitenden Tambour- und Pipe-Majore Hören und Sehen. Unsern Fasnächtlern, die sich in hellen Scharen eingefunden hatten, zuckte es in den Fingerspitzen, als sie sahen, wie die Trommel- und Paukenschlegel mit einer unglaublichen Präzision und Virtuosität durch die Luft wirbelten, um sich dann blitzschnell unter dem Nasenspitz der Tambouren wieder zu vereinigen. Das Publikum geriet in helles Entzücken, als die 175 Militärmusiker zu den Klängen eines schottischen Walzers im Dreivierteltakt über den weiten Platz schritten, Kehrt machten und im Contremarsch durch die eigenen Reihen hindurch zurückmarschierten, um im nächsten Augenblick schon sich in einen riesigen Kreis aufzulösen. Als schliesslich - die Dämmerung legte sich bereits über die Stadt - die kurzen Clairons den Abschluss der schottischen Aufmarschproduktion ankündeten, wollte der Beifall kein Ende nehmen. Würdevoll und feierlich, an dem langen, mit vielen Schlachtenemblemen gezierten Stock einherschreitend, meldete der schneidige Pipe- und Tambour-Major dem britischen Konsul, A. R. Cackett, und Major George das Ende des Platzkonzertes. Draufhin marschierte das schottische Divisionsspiel durch die Rittergasse und die Dufourstrasse zum Strassburger Denkmal.

Während auf dem Münsterplatz die nach Tausenden zählenden Schaulustigen eine selten gesehene Disziplin bewiesen hatten, vermochte vor dem Strassburger Denkmal das den Platz mit Seilen freihaltende Polizeiaufgebot den Ansturm der riesigen Menschenmenge nicht zu meistern, sodass sich die Schotten nicht mehr entfalten konnten; deshalb war das Konzert leider nur von kurzer Dauer. Zweifellos muss die Wahl dieses Platzes, trotz der Verkehrsumleitungen, als nicht glücklich bezeichnet werden; anderseits aber vermeinten unzählige, die schottischen Gäste wie einen Angorakater betupfen zu müssen, weil sie einfach nicht glauben wollten, dass diese Militärmusiker in richtige Menschen sind! Unsere Gäste wurden nachher in ihren eigenen Camions nach der Kaserne zurückgeführt. Man bewilligte ihnen noch einen kleinen , der bei einzelnen allerdings, obschon sie täglich an Taschengeld nur über einen Fünfliber verfügen können, bis zum heutigen Tagesanbruch dauerte.

Am Freitagnachmittag wird das Spiel der 52. Schottischen Division Basel verlassen. Es wird seine erst begonnene Schweizerreise fortsetzen und in Zürich von einem schweizerischen Rekrutenspiel empfangen werden. Die Fahrt geht später nach Luzern und von dort über den Brünig nach Bern weiter, wo die Schotten Gäste des Bundesrates sein werden. Man plant mit ihnen zwischenhinein einen Abstecher aufs Jungfraujoch. Ueber den Col des Mosses erreichen sie später dann die Gestade des Genfersees und machen schliesslich noch in Lausanne und Genf Station. Und weil es ihnen in Basel besonders gut gefallen hat - sie behaupten, noch nirgends in Europa so empfangen worden zu sein -, werden sie am 25. Juli wieder zu uns zurückkehren und noch einmal drei Tage in unserer Stadt verweilen, bis sie schliesslich am 28. Juli die Schweiz endgültig verlassen und wieder zu ihren Truppenstandorten in Oldenburg zurückkehren werden.

National-Zeitung vom 12.7.1946